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Das Paradox der Tokenisierung von Gold – Was verlieren wir durch die Integration in das Finanzsystem?

Die Tokenisierung von Gold verspricht technische Effizienz, kann dabei aber gerade jene Systemunabhängigkeit schwächen, die physisches Gold von den meisten Finanzinstrumenten unterscheidet.

Das Paradox der Tokenisierung von Gold – Was verlieren wir durch die Integration in das Finanzsystem?

Die Tokenisierung von Gold wird häufig als logische technologische Weiterentwicklung physischen Goldes präsentiert. Token lassen sich rund um die Uhr übertragen, in kleine Einheiten teilen, in digitale Finanzsysteme einbinden, als Sicherheit verwenden und leichter nachverfolgen. Diese Vorteile wirken besonders überzeugend, wenn physisches Gold als schwerfällig, ortsgebunden und nur mit erheblichem Aufwand beweglich verstanden wird.

Dabei wird jedoch die Bewegung des Metalls mit der Bewegung seines Wertes verwechselt. Gold in einem professionellen Tresor muss nicht physisch transportiert werden, damit sein Eigentümer seinen Wert realisiert. Es kann am Lagerort verkauft werden, während der Gegenwert auf ein Konto an einem anderen Ort und gegebenenfalls in einer anderen Währung fließt. Der Barren selbst kann im Tresor bleiben und lediglich den Eigentümer wechseln. Auch professionelle Lager-, Handels- und Verwahrungsnetzwerke sorgen dafür, dass eine geografische Verlagerung nicht zwangsläufig bedeutet, jeden einzelnen Barren von einem Ort zum anderen zu transportieren.

Gerade deshalb ist die Fähigkeit standardisierten physischen Goldes, Wert zu tragen, weitgehend unabhängig von Ort und Zeit. Nicht weil sein Marktpreis konstant wäre, sondern weil der Vermögenswert selbst weder an einen bestimmten Emittenten noch an eine Währung oder eine Fälligkeit gebunden ist. Ein den professionellen Marktstandards entsprechender Goldbarren bleibt in Zürich, London oder Singapur derselbe international akzeptierte physische Wertträger.

Damit stellt sich die entscheidende Frage: Was fügt die Tokenisierung tatsächlich hinzu, wenn für die Realisierung des Goldwertes kein Token erforderlich ist? Viele der beworbenen Eigenschaften – digitale Übertragbarkeit, Programmierbarkeit, schnelle Abwicklung, Verwendung als Sicherheit und Integration in Finanzinfrastruktur – sind Funktionen, die zahlreiche andere Finanzinstrumente bereits besitzen. Durch geografische, währungsbezogene und instrumentelle Diversifikation kann ein Anleger innerhalb des Finanzsystems zudem Portfolios aufbauen, die Risiken verteilen und gleichzeitig Erträge erwirtschaften.

Das ist besonders relevant angesichts eines klassischen Einwands gegen Gold: Es zahlt keine Zinsen. Tokenisierung ändert daran nichts. Entsteht eine Rendite, stammt sie aus einer zusätzlichen Kredit-, Verleih- oder Finanzierungskonstruktion und bringt damit neue Gegenpartei-, Kredit- oder Systemrisiken mit sich. Wenn Gold also wertpapierähnlich gemacht werden soll, um Eigenschaften zu erhalten, die Wertpapiere bereits besitzen, stellt sich die Frage, warum dafür nicht unmittelbar ein Finanzinstrument verwendet wird, das zusätzlich eine Rendite bietet.

Die eigentliche Besonderheit physischen Goldes liegt an anderer Stelle. Im eigenen Besitz oder in streng allokierter, unbelasteter Verwahrung kann es ein realer Vermögenswert sein, der keine Verbindlichkeit eines anderen Akteurs darstellt, keinen Emittenten und keine Fälligkeit hat und für seine Existenz nicht vom kontinuierlichen Funktionieren der Finanzinfrastruktur abhängig ist.

Tokenisierung verändert genau diese Beziehung. Zwischen das physische Gold und seinen Eigentümer tritt eine digitale und institutionelle Ebene: Emittent, Register, Verwahrungssystem, technisches Protokoll, Compliance-Regeln und – je nach Konstruktion – die technische Möglichkeit, Transaktionen einzuschränken oder Token einzufrieren. Das physische Gold kann weiterhin existieren, doch der Zugriff darauf wird nun über ein System vermittelt, dessen Regeln der Eigentümer nicht selbst bestimmt.

Deshalb werden die Vorteile der Tokenisierung meist aus Sicht der Finanzinfrastruktur kommuniziert, während deutlich weniger darüber gesprochen wird, dass gleichzeitig die Bedeutung der systemunabhängigen Eigenschaften des Goldes abnehmen kann. Programmierbarkeit, Nachverfolgbarkeit und eine einfachere Verwendung als Sicherheit können für das Finanzsystem echte Vorteile darstellen, müssen aber nicht denselben Wert für einen Eigentümer haben, der Gold gerade deshalb hält, um einen Teil seines Vermögens außerhalb dieses Systems bewahren zu können.

Die zentrale Frage ist daher letztlich keine technologische. Die Entwicklung digitaler Finanzinfrastruktur wirkt in Richtung einer schrittweisen Integration von Vermögenswerten, die bislang auch außerhalb des Systems existieren können. Eine objektive Folge dieser Integration ist, dass der Raum für unabhängig außerhalb des Systems gehaltenes Vermögen enger wird und damit auch die Entscheidungsfreiheit der Anleger abnimmt. Die eigentliche Bedeutung der Goldtokenisierung liegt deshalb nicht darin, ob sich Gold schneller handeln lässt, sondern darin, ob einer der wenigen bedeutenden Wertträger, die auch außerhalb der Finanzinfrastruktur bestehen können, Teil genau dieser Infrastruktur werden soll.

Die vollständige Analyse untersucht im Detail die Unterschiede zwischen physischem Gold, goldgedeckten Finanzinstrumenten und tokenisiertem Gold, die tatsächliche Funktionsweise von Wertübertragung und physischer Bewegung sowie die Folgen der Digitalisierung für die institutionelle Eigenständigkeit des Goldes und die Entscheidungsfreiheit des Eigentümers.

Das Ziel von Unus Multorum ist nicht, vorzugeben, was man über ein bestimmtes Ereignis denken soll. Es besteht darin, die Zusammenhänge aufzuzeigen, auf deren Grundlage sich jede Leserin und jeder Leser ein eigenes Urteil bilden kann.

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